Aus Medi-Report
N A C H R I C H T E N
07.07.2000
Hamburg (Sandra Hoffmann) - Sie können weder
Turnschuhe noch Sandalen leiden. Stiefel sind ebenfalls nicht
ihr Ding. Und Plateau-Schuhe würden sie sich garantiert
nie anziehen. Ob Wiese, Waldweg oder Asphaltstraße -
Barfußläufer lieben es grundsätzlich "unten
ohne". Was lange Zeit nur am Strand als korrekt und ansonsten
als Hippie-Gehabe angesehen wurde, erobert jetzt die
Städte. Barfuß zu gehen ist vom schmuddeligen
Schocker zum schicken Hingucker geworden.
"Das macht Spaß", sagt Kai Hiltmann aus
Villingen-Schwenningen nur, wenn man ihn fragt, warum er so
gerne barfuß läuft. Seit mehr als 15 Jahren
verzichtet er auf seine Schuhe, wo immer es geht - auf dem
Weg zur Arbeit, im Büro oder in der Freizeit. "Es ist
eine ganze Dimension von Eindrücken, auf die man
verzichtet, wenn man in Schuhen läuft", beschreibt
Hiltmann seine Erfahrungen auf nackten Sohlen.
Ähnlich sieht es Kai Buhmann, Geschäftsführer
der Deutschen Wanderjugend in Winnenden
(Baden-Württemberg): "Es wird sehr oft vergessen, dass
wir auch an den Fußsohlen Sinneszellen haben.
Plötzlich merkt man dann, wie unterschiedlich sich
Untergründe anfühlen können", so Buhmann
über die direkten Art der Bodenhaftung.
Barfußlaufen ist für Buhmann "die
natürlichste Art der Fortbewegung". Um noch mehr
Menschen Mut zu machen, die Schuhe mal stehen zu lassen,
veranstalten inzwischen mehrere Gruppen der Wanderjugend
regelmäßig Barfuß-Wanderungen. Geteerte Wege
werden dabei links liegen gelassen. Stattdessen führen
die Routen über naturbelassene Waldwege, durch Matsch
und kleine Bäche. "Barfuß macht das ja nichts. Den
Matsch kann man wieder abwaschen und die Füße
trocknen viel schneller als jeder Schuh", sagt Buhmann.
Wer erst vorsichtig testen will, ob ihm das
Barfußlaufen überhaupt liegt, kann inzwischen in
einer ganzen Reihe so genannter Barfußparks seine
Standfestigkeit auf verschiedensten Untergründen testen.
"Sand, Kies, Rindenmulch, zwischendurch ein Stück Wiese
und auch mal durchs Wasser", schildert Karin Gothieu von der
Kur- und Tourismusinformation in Bad Sobernheim
(Rheinland-Pfalz) den Weg über den örtlichen
Barfußpfad. Bereits seit 1992 existiert dieser von Mai
bis Oktober geöffnete Parcours im Hunsrück, der
jedes Jahr von rund 40 000 Menschen besucht wird.
Auch der Barfuß-Park Dornstetten-Hallwang im
Schwarzwald könne sich nicht über mangelnden Zulauf
beklagen, sagt Martina Zorin vom dortigen Tourismusbüro.
Sie selber gehört mittlerweile ebenfalls zu den
Stammgästen auf dem Barfuß-Pfad: "Ich konnte mir
früher nie vorstellen, barfuß zu laufen. Aber je
öfter man das macht, desto abgehärteter wird die
Sohle." Schon nach ein paar Übungsrunden werde das
Pieksen kleiner Steinchen oder das Kitzeln des Grases nicht
mehr als Schmerz, sondern eher als eine Art Massage
empfunden.
Jörg Rehmann, Musikpädagoge aus Sosberg im
Hunsrück, sieht im Barfußlaufen sogar ein
wichtiges therapeutisches Instrument. "Immer mehr Kinder
haben Bewegungs-, Haltungs- und Koordinationsstörungen.
Das fängt bereits bei den Füßen an",
erklärt er. Sich barfuß zu bewegen, helfe, ein
Gefühl für seinen eigenen Körper zu entwickeln
und bringe so das Gleichgewichtsgefühl wieder ins Lot.
Die Szene der Barfußläufer in Deutschland sei bunt
gemischt, sagt Rehmann. Auch mancher
Universitätsprofessor ziehe gerne mal seine "Schlappen"
aus. Viele Barfüßer hätten allerdings
Probleme damit, sich offen zu ihrer Leidenschaft zu bekennen,
denn zu lange galten nackte Füße in der westlichen
Gesellschaft als ein Zeichen für Armut.
Anderen dagegen macht es absolut nichts aus, gelegentlich
etwas schräg angesehen oder auch angesprochen zu werden.
Hauptsache, sie müssen ihren Fuß nicht in Schuhen
verschnüren. Auf Websites wie www.barefooters.org lassen
sich zum Beispiel die Mitglieder der "Dirty Sole Society"
nicht nur über Frust und Lust des Barfußlaufens
aus. Wer will, bekommt hier auch Tipps für die
schönsten Barfuß-Trips - inklusive Knigge für
das Barfußlaufen in anderen Kulturen. Denn ein
überzeugter Anhänger der Freifuß-Kultur will
selbst auf Wüsten-Wanderungen den unmittelbaren Kontakt
zum Boden nicht missen.
Solche Extrem-Touren sollten aber tatsächlich nur
Trainierte wagen. Die Füße seien zwar "erstaunlich
widerstandsfähig" und hielten "viel mehr aus, als man
denkt", sagt Kai Buhmann. Um eine strapazierfähige
Hornhautschicht zu bekommen, sollte man als Einsteiger aber
erst mal einige kleinere Übungseinheiten absolvieren.
Wer weiche Wiesen und Waldwege hinter sich gelassen hat, kann
dann ganz entspannt zum Beispiel zum Einkaufsbummel in der
Stadt ohne Schuhe erscheinen. "Nur die Sohlen werden dabei
halt etwas schwärzer", so Buhmann. Außerdem sollte
man besonders an heißen Tagen einen Bogen um
Gullydeckel oder Straßenbahnschienen machen, weil man
sich dort ernsthaft die Füße verbrennen kann. Und
statt nur in die Schaufenster zu sehen, sei es ratsam,
zumindest ein Auge immer am Boden zu haben - denn
barfuß in Hundehaufen oder Glasscherben zu treten, ist
dann doch nicht das nackte Vergnügen.
© dpa/MEDI-Report: http://www.medi-report.de/
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