aus: Bunte Nr. 35/2000, S. 78ff
Acht von zehn Frauen leiden wg. Stilettos unter
Hammerzehen
oder Spreizfüßen. Was tun?
(Dr. Winfried Beck, Orthopäde in Frankfurt/M., ist
Experte für
Fußprobleme - und diese, so sagt er, liegen fast alle an
der Erfindung
des modischen Schuhes.)
Vier von fünf Deutschen jammern über
Fußprobleme.
Sind die angeboren oder laufen wir uns alle lahm?
Nur der winzige Teil von fünf Prozent aller
Fußbeschwerden
belastet uns seit der Geburt. Der große Rest von 95 Prozent
ist zivilisationsbedingt.
Wie sieht denn die "Hitliste" der Fußbeschwerden
aus?
Die Palette reicht vom Plattfuß über verformte
Zehen bis
hin zu hartnäckigen Pilzerkrankungen und schmerzhaft
eingewachsenen
Zehennägeln. Am häufigsten findet sich der
Spreizfuß. Dabei
ist das Quergewölbe des Fußes eingebrochen. Oft haben
Patienten
auch deformierte Zehen, wie etwa übereinanderliegende Zehen.
Oder
die Hammerzehe, das ist ein extrem in Beugung fixierter Zeh.
Sind das nur reine
Zivilisationskrankheiten?
Ja. Wir Stadtbewohner benutzen die Füße eigentlich
nur noch
als Stelzen. Dabei ist der Fuß ein hoch flexibles
Körperteil,
das viele seiner Funktionen einfach verlernt hat. Von Menschen,
die ihre
Hände verloren haben und jetzt alltägliche Arbeiten mit
den Füßen
verrichten müssen, weiß man, was für ein
motorisches Feingefühl
in ihnen steckt. Sogar Schreiben kann man mit den
Füßen erlernen.
Viele Frauen klagen nach dem Tragen von
Stöckelschuhen über
Kopf- und Rückenschmerzen.
Durch die hohen Absätze wird das gesamte
Körpergewicht auf
die Ballen gestellt. Bei einer Absatzhöhe von 7,5
Zentimetern steigt
der Druck auf die Fußballen um 75 Prozent. Durch die
unnatürliche
Haltung werden Knie und Hüfte stärker beansprucht und
dadurch
auch die Wirbelsäule. Diese Fehlhaltungen können
Verspannungen
der Rückenmuskulatur verursachen und deshalb Kopfschmerzen.
Hohe Absätze
sind auch der Grund, dass Frauen überproportional
häufig unter
einer Kniearthrose - also Verschleißerscheinungen am Knie -
leiden.
Aber keine modebewusste Frau kann zu Stringtop und
engem Rock in
Gesundheitsschuhen daherlatschen -
Sicher. Aber wer ständig stöckelt, riskiert eine
Verkürzung
der Wadenmuskulatur. Alarmzeichen sind Schmerzen beim Ausziehen
der Schuhe.
Und das Quergewölbe der Füße kann nachgeben. Der
so genannte
Spreizfuß entsteht.
Also Pumps nur noch anziehen, wenn man auf dem Sofa
sitze - und sonst
in weichen Tod's herumschlabbern?
Ich rate, Highheels gezielt einzusetzen. Wenn man zum Beispiel
in die
Oper geht - aber nicht zum Einkaufen in den Supermarkt. Und wer
zwischendurch
seine malträtierten Füße gut pflegt, mindert das
Risiko
von bleibenden Beschwerden.
Also Gesundheitsschuhe tragen?
Nein, das heißt es nicht. Auch Verwöhnschuhe mit
vorgeformten
Sohlen können dem Fuß schaden. Negativabsätze
können
sogar ein Gesundheitsrisiko darstellen, weil es zu einer
Überdehnung
der Achillessehne kommen kann. Durch die dauernde Reizung
entwickeln sich
häufig Sehnenscheidenentzündungen, die die
Achillessehne chronisch
schädigen können.
Manche Partygirls lassen sich vor Marathonnächten
Kortisonspritzen
geben.
Theoretisch kann man die schmerzenden
Mules-Modefüßchen so
behandeln wie die der Leistungssportler. Am Vorabend eines
großen
Auftrittes eine Spritze geben, damit die Beschwerden kurzfristig
verschwinden.
Da sind die Grenzen der Vernunft aber schnell überschritten.
Ich würde
eine solche Behandlung ablehnen.
Viele Highheels-Vernarrte leiden doch unter stechenden
Schmerzen
Durch die übermäßige Belastung der Ballen
können
am Fuß verlaufende Nerven gequetscht werden, es sticht und
brennt
unter dem vierten Zeh. In der Fachsprache nennt man das
Morton'sche Neuralgie.
In schlimmeren Fällen eine Injektionskur mit Kortison
gemischt mit
einem örtlichen Betäubungsmittel. Notfalls muss man den
Nervenknoten
entfernen - allerdings kann danach eine völlige Taubheit des
Bereichs
auftreten.
Ältere Menschen klagen häufiger unter
Schmerzen an den
Fußsohlen.
Wie am ganzen Körper schwindet das Gewebe leider mit den
Jahren.
Zwischen Haut und Knochen kann dabei ein Teil der Polsterung
verloren gehen.
Das normale Laufen schmerzt plötzlich. Diese Beschwerden
treten aber
nur dann auf, wenn die Füße über Jahre falsch
belastet
wurden.
Orthopäden versuchen nun mit einer neuen
Laserbehandlung die
Schmerzen am Fußballen zu lindern.
Die Ballen werden sozusagen von innen aufgepolstert. Die
französische
Orthopädin Suzanne Levine behandelt damit so genannte
Fashion Victims,
Models und Managerinnen, die sich mehr oder weniger gezwungen
sehen, viel
mit hochhackigen Schuhen herumzulaufen.
Was passiert dabei?
Während die Hautoberfläche vereist wird,
zerstört die
Laserhitze in den darunter liegenden Schichten etwas Gewebe. Das
regt den
Körper an, Kollagen zu produzieren, und Narbengewebe
entsteht. Diese
Lasertherapie mag kurzfristig helfen, doch es handelt sich noch
um eine
experimentelle Methode. Über die Langzeitfolgen ist noch so
gut wie
nichts bekannt. Jeder, der diese Aufpolsterung machen will,
sollte sich
im Klaren sein, dass er ein Risiko eingeht.
Auch Model Claudia Schiffer ist wahrscheinlich ein
Modeopfer. Es
heißt, sie habe einen Hammerzeh. Was kann man in solch
einem Fall
tun?
Ein Hammerzeh kann durch zu enge Schuhe und falsche Belastung
entstehen,
aber auch angeboren sein. Hier kann man mit Polsterstützen
und Zehenmuffen
die Beschwerden lindern. Doch wirkliche Hilfe bringt langfristig
nur eine
Operation.
Ist diese Operation riskant?
Die Hammerzehoperation ist einer der häufigsten
orthopädischen
Eingriffe in Deutschland und wird oft ambulant gemacht. Dabei
wird am Zehengrundgelenk
ein Knochenkeil herausgenommen und die Zehen wieder gerade
gerichtet. Die
Operation dauert 15 bis 30 Minuten. Zwei Wochen darf der Patient
anschließend
gar nicht auftreten, für weitere vier bis sechs Wochen
sollte er seinen
Fuß noch schonen.
Können Spreizfuß oder Senkfuß
operiert werden?
Im Gegensatz zu Zehenoperationen sind Eingriffe, die das
Stützgewölbe
des Fußes wiederherstellen sollen, äußerst
kompliziert.
Denn es müssen dabei nicht nur Knochen, sondern auch Sehnen
und Bänder
umgestellt werden. Die Chancen, dass man nach einer Operation
wirklich
beschwerdefrei ist, sind gering.
Was bleibt als Alternative?
Die konservative Behandlung, Schuheinlagen und, wenn die
Beschwerden
größer werden, die Zurichtung der Schuhe mit
stützenden
Polstern und speziell geformten Sohlen.
Können wir etwas tun, damit es nicht so weit
kommt?
Die wichtigste Vorbeugung: mit den Füßen arbeiten.
Zehengang,
mit den Zehen nach Gegenständen greifen, sie einzeln
spreizen und
versuchen, sie zu bewegen. Viel barfuß laufen, damit die
Füße
abgehärtet werden. Ruhig auch auf einem unebenen Waldboden
oder einem
Kieselsteinweg. Taulaufen und kalte Kneippgüsse helfen
ebenfalls.
Jetzt zu einem gern totgeschwiegenen Thema: Fuß-
und Nagelpilz
Fußpilz, unter dem Millionen Menschen leiden, entsteht
nicht im
Schwimmbad, sondern im Schuh. Der Fuß darf niemals, noch
nicht einmal
andeutungsweise, feucht in einen Schuh schlüpfen. Und nicht
lachen:
Füße nach dem Waschen föhnen. Das wirkt besser,
als sich
im Schwimmbad die Füße mit desinfizierenden Mitteln
einzusprühen.
Luft und Licht müssen an den Fuß. Ganz wichtig: Nur
Baumwollsocken
tragen. Synthetische Fasern regen die Schweißproduktion an
und erzeugen
somit das ideale feuchtwarme Klima für Pilze. Wer einen
Nagelpilz
erwischt hat, muss zum Arzt. Nur der kann feststellen, welches
Mittel,
z.B. Anti-Pilz-Nagellack oder Tabletten, richtig ist.
Was ist bei der Pflege der Füße zu
beachten?
Das richtige wäre, die Füße so zu pflegen und
zu behandeln
wie die Hände. Dann bleiben sie gesund. Füße erst
einpacken,
wenn die Hände nach Handschuhen verlangen. Das beugt Pilzen
vor.
Oft ist man sich beim Einkaufen nicht wirklich sicher,
ob die Schuhe
passen. Was kann man tun?
Wer unsicher ist, kann einfach Abhilfe schaffen: Fuß auf
einen
Karton stellen, mit einem Stift umranden, vorn einen Zentimeter
dazu tun
und das Ganze ausschneiden. Wenn diese Vorlage in einen Schuh
passt, dann
hat dieser die ideale Passform. Zudem sollte man Schuhe stets
nachmittags
einkaufen. Da ist der Fuß schon ein wenig angeschwollen,
das verhindert
den Kauf zu kleiner Schuhe.
Thema laufen lernen. Was muss man
beachten?
Die ersten Schuhe für Kinder müssen nur
schützen und
nicht stützen. Denn gerade durch stützende
Lauflernschuhe werden
die Füße in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Die
ersten
Schuhe sollen nicht viel mehr sein als Mokassins.
Wer hat heute eigentlich noch ganz gesunde
Füße?
Mit Sicherheit die Sherpas im Himalaja. Sie besitzen eine
ungeheure
Kraft in den Bein- und Fußmuskeln. Kein Wunder: Das
nepalesische
Bergvolk läuft meist barfuß, täglich viele
Kilometer. Die
Sherpas rennen über die Berge bis zu ihren teils 5000 Meter
hoch gelegenen
Dörfern. Sie springen die Steigungen hoch, transportieren
schwere
Lasten auf dem Rücken und sind dabei noch fröhlich. Die
Sherpa-Füße
sind so abgehärtet, dass sie sogar durch Schnee und Eis
barfuß
laufen können.
Gönnen Sie Ihren Füßen
eine Verwöhnkur: So stellen Sie sich gut mit Ihren
Füßen
Wenn abends die Füße brennen und geschwollen sind,
erfrischt
ein laufwarmes Fußbad mit ein paar Tropfen kühlendem
Pfefferminzöl.
Bei Neigung zu starker Schweißbildung oder Pilzerkrankungen
sollten
Sie Ihren Füßen täglich ein Bad mit Rosmarin- und
Arnika-Extrakten
gönnen. Nach zehn Minuten Plantschen die Füße bis
zum Knie
kurz und kühl abduschen, gut trockenen. Dann mit
kühlendem Gel
oder einer schweiß- und pilzhemmenden Creme (Apotheke)
einreiben
und möglichst barfuß bleiben. Einmal pro Woche die
Füße
mit Meersalz peelen und Zehennägel vorsichtig kürzen,
ohne die
Nagelhaut zu verletzen.
Interview: Norbert Regitnig-Tillian
aus: BUNTE, Nr. 35/2000, S. 78
ff.
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