Aus dem Heft Nr. 2 | Sommer 99 der DWJ
Basics: Barfußwandern  
       
       Barfußlaufen und -wandern:

Die Wiederentdeckung der natürlichsten Art der Fortbewegung
 

       
    „Über die Füße streifen die Wasungu [= Europäer] enge Gewebe aus Schafwolle, wodurch sie ihre Zehen gewaltsam zusammenpressen, so daß es ihnen unmöglich gemacht wird, sicher zu gehen. Ich hielt den Schmerz nicht länger aus, als ich es versuchte, weil die ganzen Füße in engen Lederhülsen stecken, die dicht geschlossen sind.“
„Es wird mehr Mühe verwandt auf die Bereitung von Mittel zum Putzen der Schuhe, als auf Einrichtungen, die Füße selbst schön zu bilden und gesund zu erhalten.“ 
„Wie groß und erhaben bist Du doch, Mukama [= mein König] gegen ihn [den Eingeborenen in Deutschland]! Dein Kleid ist Bastfaden. Frei atmet Deine Brust, die Sonne bescheint Deine glatte Haut, und Dein nackter Fuß berührt die fruchtbare Erde.“ 
   
       
    In den letzten Jahren finden immer mehr Menschen Spaß daran und den Mut, sich auch außerhalb der Urlaubszeit und fernab von sandigen Stränden barfuß fortzubewegen oder wenigstens ohne Socken in die Schuhe zu steigen. Bei den einen ist es die pure Freude an dieser Sinnlichkeit, andere wollen einfach nur auffallen. Und Barfüßer fallen auf: in Werkstätten und Läden, Hörsälen, Bussen und Hotels, auf Behörden und Banken und eigentlich fast überall, außer im Schwimmbad. 
In den Vereinigten Staaten gibt es mittlerweile über 40 Vereinigungen, die das barfußlaufen propagieren. Die bekannteste ist die DSS (Dirty Soles Society): ihr Name verrät bereits, daß es eher die Provokateure und Kämpfernaturen sind, die z. B. das Recht barfuß Autofahren zu dürfen verteidigen. Die Fraktion der „Schmusefüße“ ist mir dabei wesentlich sympathischer: sie ziehen ohne viele Worte einfach die Schuhe und die Socken aus, wackeln mit den Zehen, genießen lächelnd diese kleine Freiheit. 
  Die Barfuß-Szene
       
    Das Kleidungsstück „Schuh“ hat für uns im Wesentlichen drei Funktionen: Er schützt den Fuß vor Hitze, Kälte, Wasser oder mechanischen Einwirkungen durch Dornen, scharfe Kanten, große Gewichte oder Reibung. Ferner kann ein geeigneter Schuh die Funktionalität des Fußes optimieren oder sogar ausgesprochen erweitern: der Stiefel gibt im Sprunggelenk zusätzlichen Halt und geeignete Sohlen erhöhen die Griffigkeit. Technische Erweiterungen erschließen darüber hinaus zusätzliche Funktionen: Schneeschuhe verhindern mit ihrem Gitter ein Versinken im Schnee, Spikes und Kufen erfüllen ihren Zweck auf Eis und die jüngste Entwicklung kommt - zumindest auf ebenem Untergrund - den Sieben-Meilen-Stiefeln ziemlich nah: die Inline-Skates. (So betrachtet ist das Auto vielleicht die größte Weiterentwicklung in diese Richtung, sozusagen ein HiTech-Ganzkörper-Schuh!) Und last-but-not-least ist der Schuh ein echter Modefaktor, z.T. so sehr, daß sowohl die Schutzkomponente als auch die Erweiterung der Funktionalität ins Gegenteil verkehrt werden. 
Die Präsenz von vielen Hilfmitteln und Werkzeugen ist für uns selbstverständlich: Wir nehmen ein Messer um Brote zu schmieren, eine Kettensäge um Bäume zu fällen, eine Feile für die Fingernagelpflege und um Klavier zu spielen legen wir alles wieder beiseite. Aber warum werfen wir unsere Schuhe nicht einfach in die Ecke, wenn wir sie gerade nicht brauchen, wenn sie uns eher hindern: im Unterricht, beim Spaziergang im Grünen, im Kino? Selbst beim Fernsehen Zuhause, in der mit weichen Teppichen ausgelegten Wohnung tragen die meisten noch Hausschuhe! Neben vielen Vorurteilen gegen das Barfußgehen (s. u.), liegt es wohl an unserem gestörten Verhältnis zu unseren Füßen! Barfußsein ist eine Form des Nacktseins. Wir genieren uns und verstecken die Füße. Diese werden deshalb krumm und runzelig und riechen schlecht, weswegen wir sie erst recht wieder in den Schuhen verstecken müssen: ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt! Back to the feet! 
  Wozu überhaupt Schuhe?
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Warum hängen wir so an unserer Fußbekleidung?

       
    Hättest du es gewußt? 
Des Wortes bar gab es bereits im Mittel- und Althochdeutschen. Es bedeutet soviel wie „unbedeckt, bloß, nackt, offenkundig, deutlich, entblößt, frei von“. Neben barfüßig (=barfuß) und barbusig wird es noch gelegentlich in der Zusammensetzung barhäuptig oder barhaupt verwendet. 
Im Handel wird das Adjektiv etwa seit dem 14. Jahrhundert für Münzen in der Bedeutung „frei verfügbar“ verwendet (-> Bargeld, Barschaften). 
Aus dem Kölscher Karneval ist die Gruppe "De Bläck Fööss" bekannt. Ihr Name bedeutet jedoch nicht, wie landläufig angenommen schwarze, sondern blanke (also Bar-) Füße!
   
       
    Schmuddelig, unhygienisch und ungesund, primitiv, gefährlich, stinkige Käsefüße. Das sind wohl die häufigsten Assoziationen zum Thema „Nackte Füße“. 
Natürlich ist die Fußsohle eines Barfüssers schmutziger als die eines Beschuhten. Aber der Vergleich hinkt: der Schuhträger bringt in seinen Sohlen - vor allen wenn sie ein Profil aufweisen - sicher mehr Staub, Erde, Kaugummis oder gar Hundekacke mit nach Hause als der Barfußläufer! 
Mal ehrlich: die Bedenken gegen das barfußlaufen kommen häufig nicht von außen, sie sind in unseren Köpfen: „Was werden die Leute über mich denken?“ Die Erfahrung zeigt mir, daß meine Mitbürger nur selten die Nase hochziehen, wenn ich ihnen barfuß gegenüberstehe. Die meisten können es sich einfach nicht für sich selbst vorstellen, die Schuhe im Alltag wegzulassen. Insgesamt fallen die Reaktionen überwiegend positiv aus, wobei ich mich über jedes neugierige „Warum tust du das?“ freue. 
In Schule und Beruf  liegen die Dinge meist etwas anders. In diesen ausgeprägten Abhängigkeitsverhältnissen ist meist nur wenig Raum für individuelle Vorlieben. Sich einem eventuell vorhandenen Krawattenzwang zu entziehen ist kaum möglich. Sich dem allgemeinen Schuhzwang entziehen zu wollen kann ebenfalls auf erhebliche Widerstände stoßen. Dort, wo es vernünftigen Gründe für Schuhe gibt, weil z. B. fester Halt erforderlich ist oder die Füße vor schweren Gegenständen oder Säuren geschützt werden müssen, sollte man natürlich Schuhe anziehen. Aber im Unterricht, im Büro oder Laden? Meist kann man sich mit etwas Courage durchaus sein Freiräume und vor allem die für seine Füße erschließen. 
  Blanke Füße - Image und Vorurteile
       
    Liebe Deine Füße wie dich selbst
Franziska, ein kleines Mädchen, erzählte mir einmal eine Geschichte von einem Indianer, der auf der Flucht war. Seine Füße trugen ihn jedoch nicht so schnell, wie er es gewohnt war und vor allem, wie es jetzt nötig gewesen wäre. Der Mann schimpfte mit ihnen ganz fürchterlich, worauf sie einfach stehenblieben. Der Indianer bettelte seine Füsse an, ihn doch nicht jetzt so im Stich zu lassen. „Warum sollen wir Dir helfen? Warum sollen wir Dich retten?“, fragten sie ihn. „Weil wir doch zusammengehören!“, sagte der junge Indianer. „Das können wir kaum glauben“, entgegneten die Füße. „Du bist immer so lieblos zu uns.“ Ihr könne das nicht passierte, erzählte mir das Mädchen voller Stolz. Sie sei mit ihren Füßen ganz toll befreundet, und jeden Abend zwischen Zähneputzen und Ins-Bett-Gehen würden sie und ihre Mama die Füße waschen, ein bißchen massieren und manchmal auch eincremen. „Meine Füße würden mich vor jedem Löwen in Sicherheit bringen!“ 
Monate später stand ich bei dieser Familie vor der Haustür. Die Mutter öffnete, bat mich herein und forderte mich freundlich auf, die Schuhe auszuziehen. Ich wußte natürlich, daß dies eine peinliche Situation ergeben würde: die Schweißfüße aus meinen Turnschuhen würden gnadenlos stinken. Aber Widerspruch war zwecklos. „Bei mir ist es ganz sauber. Sie können sie Schuhe ruhig ausziehen. Wenn es Ihnen lieber ist, können Sie sie auch draußen abstellen. Ich weiß, wie das ist, wenn man den ganzen Tag in den Schuhen stecken muß. Wir waschen uns meist gleich die Füße, wenn wir nach Hause kommen, dann geht es einem doch geleich viel besser!“, und schwuppdiwupp stand neben mir ein Fußwännchen mit warmem Wasser, in dieser Familie war es so wohl selbstverständlich. Ich war tief beeindruckt. Soviel selbstverständlicher Liebe zu den eigenen Füßen bin ich nie wieder begegnet. Und seither glaube ich, daß so geliebte Füße die dazugehörigen Menschen tatsächlich jederzeit vor jedem Löwen in Sicherheit bringen würden. 
   
       
    Die Angst vor Fußpilz ist ein häufig ins Feld geführtes Argument gegen Fußpilz. Dabei weiß jedes Kind, daß der Pilz sich nur dort wohlfühlt, wo es feucht und warm ist, nämlich im Schuh! Am trockenen Barfuß beißen sich die Pilzsporen vergeblich die Zähne aus. 
„Igitt, Käsefüße!“ mag vielleicht der eine oder andere beim Anblick von nackten Füßen denken. In Wirklichkeit sind Schweißfüßen ein typisches Problem für viele Schuhträger. Das beste Heilmittel ist Barfußlaufen! 
Auch die Vorstellung, barfuß erkälte man sich leicht, ist weit verbreitet. Dabei kann, selbst wenn der Boden etwas kühler ist, die Kälte kaum bis zum Körper wandern, weil das menschliche Gewebe ein schlechter Wärmeleiter ist. Nieren- und Blasenbeschwerden holt man sich in der Regel durch direkte Auskühlung: also nasse Badekleidung oder Sitzen auf kaltem Boden vermeiden! Schnupfen und Husten entstehen durch Ansteckung mit Bakterien oder Viren, die die Gunst der Stunde und der unterkühlte Nasen- und Rachenschleimhäute ausnutzen. 
Im Gegenteil: Barfußlaufen ist gesund! Das hat Sebastian Kneipp vor über 100 Jahren bereits erkannt. Ein vernünftig dosierter Kältereiz regt die Wärmepro-duktion des Körpers an und der Kreislauf wird stabilisiert. 
Viele Beschwerden von Schuhträgern bleiben dem Barfüßer erspart: Blasen, Druckstellen, Überbeine, Hühneraugen und vor allem langwierige Knöchelverletzungen durch das Umknicken in Schuhen mit dicken Sohlen oder hohen Absätzen! Ganz zu schweigen von den Langzeitrisiken durch ungeeignete Schuhe: Gehbehinderungen, die von deformierten Füßen ausgehen, Beschwerden mit den Füßen, der Hüfte und letztlich dem Rücken. 
Das einmalige Naturerlebnis und die Bodenständigkeit im wahrsten Sinne des Wortes wirken entspannend und fördern sowohl Geist als auch Psyche. Regelmäßiges Barfußgehen wird bei niedrigem oder leicht erhöhtem Blutdruck , peripheren Durchblutungsstörungen, Krampfaderleiden, Schwäche der Abwehrkräfte sowie psychischen Erschöpfungszuständen empfohlen. Es fördert darüber hinaus die Ausbildung einer stabilen Persönlichkeit sowie eines gesunden Selbstbewußtseins. Und nicht zuletzt wird die Fortbewegung zu Fuß wieder um die Dimension des Fühlens erweitert, die in Schuhen zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Damit gewinnen wir unsere „Bodenhaftung" und Naturverbundenheit zeitweise zurück. 
  Gesundheit und Hygiene
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